Weisheit, die gesprochen wurde, nicht geschrieben
Albanisch wurde spät aufgeschrieben, und lange lebten die meisten Menschen in Dörfern, in denen Wissen von Mund zu Mund ging. Sprichwörter gehörten zu diesem Wissen, kurz genug, um sie zu behalten, und treffend genug, um einen Streit zu entscheiden. Erst im 19. Jahrhundert, in der Zeit der albanischen Nationalbewegung, begannen Sammler, sie aufzuschreiben.
Einer von ihnen war Thimi Mitko, geboren 1820, der ab 1866 Volksgut aufzeichnete, vor allem aus Südalbanien. Seine Sammlung von 505 Volksliedern und 39 Erzählungen und Volksweisheiten erschien 1878 unter dem Titel „Die albanische Biene“ und gilt als erste wissenschaftlich brauchbare albanische Volkssammlung. Weitere Sammlungen folgten; ein Standardwerk ist heute „Fjalë të urta të popullit shqiptar“, Weise Worte des albanischen Volkes, von Jorgo Panajoti und Agron Xhagolli, erschienen 1983.
Berge und Menschen
„Mali me mal nuk piqen, njeriu me njeriun piqen.“ Ein Berg begegnet nie einem Berg, aber ein Mensch begegnet einem Menschen. Kaum ein Spruch passt besser zu einem Land voller Berge. Die erste Bedeutung ist zuversichtlich: Was Menschen auch trennt, sie sehen sich wieder. Die zweite ist eine Warnung: Wer jemandem Unrecht tut, soll nicht darauf zählen, ihm nie wieder zu begegnen.
„Trimi i mirë me shokë shumë.“ Ein guter Held hat viele Gefährten. Ein trim ist ein tapferer Mann, der Held der alten Lieder, und das Sprichwort sagt, dass selbst er allein nichts ist. Mut braucht Freunde; niemand kommt allein durchs Leben.
Ehre und das gegebene Wort
„Më mirë syri sesa nami.“ Lieber ein Auge verlieren als den guten Namen. In einer Gesellschaft, in der die Ehre über den Platz eines Menschen entschied, wog der Verlust des Ansehens schwerer als eine Verletzung am Körper. Der Spruch fasst diese Rangordnung der Werte in fünf Wörter.
Kein Wert hat mehr Sprichwörter hervorgebracht als die Besa, das gegebene Wort. „Besa e shqiptarit nuk shitet pazarit“: Die Besa eines Albaners wird nicht auf dem Markt verkauft. „Besa e shqiptarit si purteka e arit“: Die Besa eines Albaners ist wie ein Stab aus Gold. Eine Studie von Fatma Shijaku von der Universität Tirana, 2025 im Jahrbuch Proverbium erschienen, untersucht diesen reichen Schatz an Besa-Sprichwörtern und nennt die Besa das heiligste Wort der albanischen Kultur.
Arbeit, Geduld und gesunder Verstand
„Fillimi i mbarë është gjysma e punës.“ Ein guter Anfang ist die halbe Arbeit. „Matë tre herë, prit një herë“: dreimal messen, einmal schneiden, der Rat jedes Schneiders und Schreiners, erst zu denken und dann zu handeln. Und „Punën e sotme mos e lër për nesër“: Die Arbeit von heute nicht auf morgen verschieben, denn was heute leicht ist, kann morgen schwerer sein.
Manche Sprichwörter sind weniger feierlich. „Kush ka turp, vdes për bukë“: Wer zu schüchtern ist, verhungert, eine Erinnerung daran, dass man um das bitten muss, was man braucht. „Kur s'ke punë, luaj derën“: Wenn du keine Arbeit hast, rüttle an der Tür, ein spöttischer Kommentar über Leute, die beschäftigt tun, ohne etwas Nützliches zu machen. Und „Ustau çatinë e vet e le të pikojë“: Der Meister lässt sein eigenes Dach tropfen, weil wer für alle anderen arbeitet, sein eigenes Haus vergisst.
Familie und Haus
„Molla nuk bie larg mollës“: Der Apfel fällt nicht weit vom Apfelbaum. „Si i ati dhe i biri“, wie der Vater, so der Sohn, und das Gegenstück „Si e ëma dhe e bija“, wie die Mutter, so die Tochter: Kinder sehen ihre Eltern jeden Tag und werden wie sie. „Iku macja, lozin minjtë“: Die Katze ist fort, die Mäuse spielen. Ist das Familienoberhaupt weg, geht die Ordnung mit.
Über das Leben und die Macht
„Sa rron, aq mëson“: Solange du lebst, lernst du. „Çdo njeri ndërton fatin e vet“: Jeder Mensch baut sein eigenes Schicksal. „Peshku i madh ha të voglin“: Der grosse Fisch frisst den kleinen, ein nüchterner Blick darauf, wie Macht zwischen Starken und Schwachen funktioniert. „Mos hidh zjarr në kashtë“: Wirf kein Feuer ins Stroh, also mach eine gespannte Lage nicht mit einem unbedachten Wort schlimmer. Und für Ratschläge, die niemand befolgt: „Në njërin vesh hyn, në tjetrin del“, zum einen Ohr hinein, zum anderen hinaus.
Geteilt mit Europa und doch eigen
Manche dieser Sprüche klingen vertraut. Der Apfel und der Baum, die Katze und die Mäuse, das mehrfache Messen gibt es auf Deutsch, Englisch und in vielen anderen Sprachen. Sprichwörter wandern mit Händlern, Soldaten und Auswanderern, und Albaner waren schon immer unterwegs. Andere, wie die Berge, die sich nie begegnen, oder die Besa, die Gold wert ist, tragen die Spuren des albanischen Berglands und seiner Werte.
Sprichwörter sind Erbe in handlicher Form. Ein Satz wie der von den Bergen, die sich nie begegnen, lässt sich in einem Atemzug weitergeben, an einem Familientisch in Prishtina ebenso wie in Zürich, auch dort, wo sonst wenig von der Sprache gesprochen wird.
Das B&G Fussballtrikot in Schwarz und Weiss: Skanderbeg auf der Brust graviert, der Doppeladler am Ärmel. Eigener Entwurf, nummeriert.
ZUM TRIKOT →Was bedeutet „Mali me mal nuk piqen“?+
Es ist die erste Hälfte des Sprichworts „Mali me mal nuk piqen, njeriu me njeriun piqen“: Ein Berg begegnet nie einem Berg, aber ein Mensch einem Menschen. Menschen sehen sich immer wieder, was ein Trost oder eine Warnung sein kann.
Wie heisst Sprichwort auf Albanisch?+
Fjalë e urtë, wörtlich ein weises Wort; in der Mehrzahl fjalë të urta.
Gibt es ein albanisches Sprichwort über die Besa?+
Viele. Zwei bekannte sind „Besa e shqiptarit nuk shitet pazarit“, die Besa eines Albaners wird nicht auf dem Markt verkauft, und „Besa e shqiptarit si purteka e arit“, sie ist wie ein Stab aus Gold.
- Wikiquote: Albanian proverbs
- Wikipedia: Besa (Albanian culture)
- Fatma Shijaku: Is an Albanian Man's Besa His Bond? A Paremiological Dimension of Besa, Proverbium 42 (2025)
- Wikipedia: Albanian folklore
- Wikipedia: Thimi Mitko
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