Ein Gesetz ohne Schrift
Den grössten Teil seiner Geschichte existierte der Kanun nur in den Köpfen. Älteste lernten die Regeln auswendig und wandten sie in den Dorfversammlungen an; Streitigkeiten wurden beigelegt, indem man sich darauf besann, was der Kanun sagt. Er galt für christliche und muslimische Albaner gleichermassen und stand neben der Religion, statt sie zu ersetzen.
Wie alt er wirklich ist, weiss niemand. Die Schriftstellerin Edith Durham hielt manche Regeln für so alt wie die Bronzezeit, andere sehen darin Reste illyrischen Stammesrechts, und Sprachwissenschaftler haben Teile davon mit Rechtsbräuchen anderer indogermanischer Völker verglichen. Das sind Deutungen, keine Beweise. Sicher ist, dass die Ältesten die Regeln mindestens fünf Jahrhunderte lang weitergaben, bevor jemand sie planmässig aufschrieb.
Es gab auch nicht nur einen Kanun. Neben der bekanntesten Fassung des Lekë Dukagjini, die auf der Südseite der Albanischen Alpen galt, gab es den Kanun der Berge in der Malësia e Madhe, den Kanun der Mirdita, den Kanun des Skanderbeg zwischen Kruja und Dibra und den Kanun der Labëria im Süden. Sie teilten denselben Geist, unterschieden sich aber im Einzelnen.
Wer war Lekë Dukagjini?
Lekë Dukagjini gehörte zu den Dukagjini, einer der Adelsfamilien Nordalbaniens im 15. Jahrhundert. Sein Verhältnis zu Skanderbeg war alles andere als einfach: Jahrelang waren die beiden Rivalen, und Lekë öffnete zeitweise den Osmanen die Bergpässe. 1463 schlossen sie Frieden, vermittelt von Pal Engjëlli, dem Erzbischof von Durrës.
Nach Skanderbegs Tod 1468 wurde Lekë einer der Anführer des Widerstands und war 1477 am Sieg unter den Mauern von Kruja beteiligt. Als Venedig Shkodra 1479 den Osmanen überliess, ging er nach Italien. 1481 kehrte er mit seinem Bruder zurück, konnte die Familiengüter nicht zurückgewinnen, und danach schweigen die Quellen.
Der Überlieferung nach sammelte er das Gewohnheitsrecht des Berglands und gab ihm seine Form. Historiker sind vorsichtig: Die Regeln sind wohl älter als er, und kein Dokument zeigt, dass er sie festgehalten hätte. Wahrscheinlicher ist, dass das Recht der Dukagjini-Gebiete einfach den Namen der Familie trug.
Vom Gedächtnis ins Buch: Shtjefën Gjeçovi
Dass man den Kanun heute lesen kann, ist einem Franziskaner zu verdanken. Shtjefën Gjeçovi wurde 1874 in Janjevo im heutigen Kosovo geboren und lebte jahrelang unter den Bergstämmen, wo er Stammesrecht, Volkskunde und Lieder sammelte. Teile seiner Sammlung erschienen ab 1913 in der Zeitschrift Hylli i Dritës.
Gjeçovi erlebte das Buch nicht mehr. Im Oktober 1929 wurde er bei Gjakova erschossen, wo er als Priester und Lehrer wirkte. Die vollständige Ausgabe erschien 1933 in Shkodra: zwölf Bücher mit 1262 Artikeln, von Hauswirtschaft, Ehe, Arbeit und Boden bis zu Gastfreundschaft, Ehre und Verbrechen. Eine italienische Übersetzung folgte 1941, eine deutsche in den 1950er-Jahren und 1989 eine zweisprachige albanisch-englische Ausgabe von Leonard Fox.
Ehre, der Gast und das gegebene Wort
Vier Werte tragen den Kanun: die Ehre (nderi), die Gastfreundschaft (mikpritja), das richtige Verhalten (sjellja) und die Treue zur Sippe (fis). Ein Mann ohne Ehre galt in den Augen der Gemeinschaft als tot. Eine Verletzung der Ehre liess sich nicht mit Geld abgelten; sie konnte nur vergeben oder gerächt werden.
Der bekannteste Satz des Kanun handelt vom Gast. Im achten Buch heisst es, im Gegischen der Mirdita: „Shpija e Shqyptarit âsht e Zotit e e mikut“, das Haus des Albaners gehört Gott und dem Gast. Dasselbe Buch behandelt die Gastfreundschaft als Frage der Ehre und regelt, wie ein Gast empfangen wird: Er macht sich im Hof bemerkbar, bevor er eintritt, man wäscht ihm die Füsse, und ein Bruch der Gastfreundschaft hat Folgen wie jede andere Verletzung der Ehre.
Neben der Ehre steht die Besa, das gegebene Wort. Sie ist mehr als ein Versprechen: Eine Besa konnte einen Waffenstillstand sichern, einen Bedrohten für eine bestimmte Zeit oder an einem bestimmten Ort schützen oder Handel und Weidewirtschaft absichern. Eine allgemeine Besa konnte in Kriegszeiten alle Fehden aussetzen.
Die Schattenseite: die Blutrache
Der Kanun wird oft auf sein härtestes Kapitel verkürzt. Das zehnte Buch handelt vom Töten und erlaubt die Blutrache, gjakmarrja: Wer vorsätzlich tötete, setzte sich der Rache der Familie des Opfers aus. Zugleich zog der Kanun Grenzen. Nur vorsätzliches Töten rechtfertigte Rache, Unfälle wurden mit Bussen beglichen, und Hinterhalte waren verboten. In Gjeçovis Text beschränkt sich die Rache auf den Täter selbst.
Unter dem kommunistischen Regime Enver Hoxhas wurde der Kanun unterdrückt, und die Blutrache kam weitgehend zum Erliegen. Als um 1990 die staatlichen Strukturen zerfielen, kehrte sie zurück, in einer Form, die der Vermittler Gjin Marku eine entartete Fassung des Kanun nennt. 1990 nahmen in Kosovo, Nordmazedonien und Montenegro über eine Million Albaner an Versöhnungsfeiern teil, die eine Gruppe um Anton Çetta organisierte und bei denen alte Fehden vergeben wurden.
Wie verbreitet die Blutrache heute noch ist, ist umstritten. Nach einem Besuch in Albanien 2010 hielt der UNO-Sonderberichterstatter Philip Alston fest, dass manche Organisationen und Medien die Zahlen deutlich übertrieben hätten, dass die Fälle zurückgegangen seien und dass die Selbstisolation von Familien, die Rache fürchten, ein ernstes Problem bleibe. Er forderte die Regierung auf, die Versöhnung zwischen verfeindeten Familien auszubauen.
Was bleibt
Der Kanun ist kein Gesetz mehr, aber Teile davon leben im Alltag weiter, weit über die Berge hinaus. Einen Gast hereinbitten, ihn zuerst bedienen und nicht hungrig gehen lassen, ist in vielen albanischen Familien bis heute Ehrensache, in Prishtina wie in Zürich. Und eine Besa, ein gegebenes Wort, zählt noch immer mehr als eine Unterschrift.
Das ist das Erbe, das sich zu tragen lohnt: nicht die Fehde, sondern die Idee, dass ein Haus offen steht, dass ein Wort hält und dass sich Ehre nicht kaufen lässt.
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ZUR JACKE →Was ist der Kanun?+
Das überlieferte Gewohnheitsrecht des nordalbanischen Berglands. Es regelte Familie, Eigentum, Gastfreundschaft, Ehre und Verbrechen und wurde jahrhundertelang mündlich weitergegeben. Die bekannteste Fassung trägt den Namen von Lekë Dukagjini.
Wer hat den Kanun aufgeschrieben?+
Der Franziskaner Shtjefën Gjeçovi sammelte die Regeln bei den Bergstämmen. Teile erschienen ab 1913, die vollständige Ausgabe mit 12 Büchern und 1262 Artikeln 1933 in Shkodra, nach seinem Tod 1929.
Gilt der Kanun heute noch?+
Nein. In Albanien und Kosovo gilt staatliches Recht, der Kanun hat keine Gesetzeskraft. Einige seiner Bräuche, vor allem die Gastfreundschaft und das gegebene Wort, leben als Tradition weiter, nicht als Recht.
Was sagt der Kanun über Gäste?+
„Das Haus des Albaners gehört Gott und dem Gast.“ Das achte Buch behandelt die Gastfreundschaft als Frage der Ehre und regelt genau, wie ein Gast empfangen wird.
- Wikipedia: Kanun (Albania)
- Wikipedia (de): Kanun (Albanien)
- Wikipedia: Code of Lekë Dukagjini
- Wikipedia: Lekë Dukagjini
- Wikipedia: Shtjefën Gjeçovi
- University of Texas at Austin, Linguistics Research Center: Albanian Online, Lesson 40 (Kanun, hospitality)
- UN News (2010): UN rights expert sounds alarm over blood feuds and domestic violence in Albania
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